Nördlicher Apennin

Nördlicher Apennin

In unserer heutigen Zeit sucht man neben dem Alltäglichen sehr oft das Spezielle, was wiederum gar nicht so einfach ist und so zum Besonderen werden kann. So gesehen ist es also nicht verwunderlich, dass wir Motorradfahrer dies auf die Länder, Tourengebiete, ja sogar auf die einzelnen Strecken beziehen die wir bereisen. Immer versucht etwas zu entdecken, was andere vorher noch nicht entdeckt haben. Daher ist es auch nicht gerade verwunderlich, dass ich an diesem sommerlichen Junimorgen den Rollladen in einem Hotel in Pievepelago im nördlichen Apennin öffne und nicht irgendwo an der Ardeche, oder in den Dolomiten.

Ja der Apennin, ein wenig bekanntes Gebiet, obschon nicht weit weg von den großen historischen Städten wie Pisa und Lucca gelegen. Über ihn verläuft Italiens Hauptwasserscheide und mit dem Col di Cadibona (436m) bildet er die Grenze zu den ligurischen Alpen. Doch was soll es hier schon zu entdecken geben wird sich bereits jetzt der Eine oder andere Fragen, wenn er die Höhe des Cadibona liest? Die Antwort ist zu Beginn dieses Tourtages auch für mich noch nicht so einfach zu geben. Das Ziel jedenfalls sollen die Marmorsteinbrüche von Massa und Carrara werden und danach eine Badesession im Mittelmeer. Nach dem italienischen Frühstück geht es dann auch los. Und schon nach den ersten km wird mir klar, dass ich mich hier nicht in einem Motorradgebiet für Anfänger befinde. Höchst anspruchsvoll reiht sich Kurve an Kurve auf der rot schimmernden SP72 nach Cipressi aneinander und fordert sofort meine Aufmerksamkeit. Jede Gerade dazwischen wirkt wie eine Erholung und das reißt um es gleich vornweg zu nehmen bis zum Ziel nicht ab. Mit einem solchen Kurvenaufkommen hätte hier zwischen Toskana und Emilia Romagna keiner gerechnet. Um dem ganzen Schauspiel den nötigen Rahmen zu verpassen kommt die überwältigende Natur als Theaterkulisse noch dazu. Dieser Tag ist ein Geschenk mit buntem Schleifchen. Die Gerüche der vorbeiziehenden grünen Wiesen und Mischwälder tummeln sich in meinem Helm. Dazwischen hallt der dumpfe Sound der TRX bis tief hinein in die Täler die ich durchquere. In Castelnuovo Di Garfagnana biege ich zunächst auf die SP445 ab und folge ihr am Fluß Serchio bis nach Poggio, um dort meine Reise auf der SP69 in Richtung Süden weiter fortzusetzen. Hier wird die Fahrbahn noch enger, die Kurven noch Spitzer und vor allem die Geraden noch weniger. Die in die Berge gebauten Ortschaften ziehen an mir vorbei. So vergeht der Vormittag bis ich gerade aus einem Tunnel heraus gefahren komme und sie vor mir liegen sehe. Die berühmten Steinbrüche von Massa-Carrara. Der Blick von hier oben reicht weit über den weißen Marmor hinaus an diesem Tag sodass am Horizont das Mittelmeer zu sehen ist. Nachdem die Maschine verstummt ist, herrscht idyllische Ruhe, nur der Wind singt sein Lied durch die Szenerie. Außerhalb der Ferienzeit hat man dieses Gebiet fast für sich alleine, muss sich aber auch mit einigen Gegebenheiten anfreunden. Einige Restaurants machen eben nur abends auf und Pizza gibt es sowieso nur abends, da die Wirte mittags die Steinöfen nicht anwerfen. Da es zugegebenermaßen schon Mittag ist, ist das gerade im Übrigen auch ein wichtiges Thema für mich und daher schmeiß ich mich wieder aufs Moped mit dem Ziel Massa und dem Strand für ein Picknick. Noch einmal schlingt sich die SP13 ins Tal hinunter bevor ich an einem der öffentliche Strände ankomme und mich erst einmal ausruhen kann. Weißer Sand soweit das Auge reicht. Man kommt sich tatsächlich vor wie an einem dieser im Reisekatalog beschriebenen Pauschalurlauberstränden, nur das der hier nicht so überfüllt ist.

Die Sonne hat ihren Horizont schon etwas überschritten als ich aufwache. Sonnenschutzfaktor 8 war wohl doch etwas zu wenig für heute. Wieder auf dem Bike und raus aus Massa, komme ich zurück auf das Besondere in diesem Fall die SS446 die mich zurück in den Norden und in die Berge bringt. Ich folge ihren Kurven bis Marciaso und wechsele ein weiteres Mal diesmal auf die SP10. Durch zum Teil dicht bewaldete Gebiete folge ich dem zernarbten Teerband immer weiter in Richtung Grenzlinie zwischen der Toskana und Emilia Romagna. Auch hier reiht sich erneut eine Kurve an die Nächste. Nach einer weiteren Pause in Capanne, in der man mich mit hausgemachtem Kuchen und einem sehr guten italienischen Kaffee verwöhnt, setzte ich mich zum letzten Teil der Tagesetappe auf die TRX und bin kurze Zeit später wieder in der Emilia Romagna. Der SP18 und SP59 folgend biege ich nachdem das Land hier offener geworden ist in Villa Minozzo auf die SP9 ein die mich zum Fotostop an die Cascata del Golfarone führt und von da aus zurück nach Pievepelago. Kaum zu glauben das dieser erste Tourtag 291km umfasste und die Möglichkeiten für die nächsten Tage nicht weniger als das versprechen.

Das Besondere stand am Anfang dieser kleinen Geschichte! Und ja ich kann es nur bestätigen, für jeden der es erleben will, hat dieses Gebiet etwas Besonderes parat. Reine Motorradfahrer werden eine unzählbare Zahl an Kurven vorfinden und sich wie ich über jede noch so kleine Gerade dazwischen freuen. Jene die die Tour mit Sightseeing verbinden wollen haben mit Pistoia, Lucca und Pisa eine Menge historisches zu bestaunen und zu entdecken. Für mich persönlich war es eine der bisher schönsten Reisen, wobei ich heute nicht mehr in einem Hotel in Pievepelago übernachten würde, sondern auf einem der tollen Agritourismen in der Gegend.

In diesem Sinne LifeisaRide und schöne Grüße Torsten Thimm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s