Fahrbericht BMW Nine T/5 Eine Hommage an die Vergangenheit

Es ist ein herrlich milder Sommertag im Jahr 1969, die Lederkombi sitzt, und die BMW R 75/5 blubbert vergnügt im Hof vor sich hin. Ihre blaues Lackkleid schimmert im Sonnenlicht und wirklich gar nichts steht einer entspannten Tour im Wege, außer vielleicht unter Umständen die gemeldeten 37 Grad im Schatten. Doch das soll uns in diesen Morgenstunden und in diesem speziellen Moment erst mal noch egal sein. Also rauf aufs mittlerweile warm gelaufene Bike, ein kurzer Gasstoß mit der rechten Hand, und mit einem satten ,,Klonk‘‘ sitzt der erste Gang, um das Kurvengeschlängel des Taunus unter die Räder zu nehmen. Die 50PS Leistung beschleunigen mich vehement nach vorne und lassen das Grinsen unterm Helm mit jeder Kurve etwas breiter werden.

Genau so oder zumindest so ähnlich stelle ich mir heute im Jahr 2019 die damalige Zeit vor. Eine Zeit, die ich nicht als Motorradfahrer (ja so alt bin ich noch nicht) erleben konnte und eine Zeit als Motorradfahren noch pur und analog war. Doch auf eine gewisse Weise scheinen sich die Menschen in den vergangenen 50 Jahren, obwohl mittlerweile hoch technisiert, doch in ihren Grundfesten nur wenig verändert zu haben. Denn noch nie waren die Begriffe Heritage und Retro gerade auch in der Motorradbranche mehr gefragt als jetzt. Der Grund dafür ist so augenscheinlich klar wie das Amen in der Kirche, denn diese so gestalteten Dinge geben uns das Gefühl der Ruhe und der lange schon verlorenen Entspannung für einen kurzen Augenblick wieder zurück.

Und die BMW R Nine T/5

Zweimal Jubiläum also! 50 Jahre in denen BMW nun seine Motorräder in Berlin baut und 50 Jahre seitdem die Erste /5 das Werk verlassen hat. Daher ist es aller höchste Zeit, eine echte Hommage an das Vergangene auf die Straße zu bringen. Eine Hommage in diesem Fall die, selbst von ihrer eigenen Geschichte her noch sehr jung, aber bereits heute schon eine Legende im Haus des bayrischen Herstellers ist. Die Rede ist von der R Nine T auch liebevoll Ninette genannt und ihren diversen Ausbaustufen. Denn die spiegeln insgeheim in vielen Punkten genau das wieder, wofür eine /5 in den End 60er stand, nur eben mit der Technik von heute. Eine klare Linienführung, gute Bremsen, eine verhältnismäßig einfache Technik gepaart mit einem potenten Motor, der neben gehörigem Fahrspaß, auch noch nach Motor klingen darf. Einfach unglaublich was aus dem einzelnen Klappenendtopf herauskommt und als Stakkato den Gehörgängen schmeichelt. Sicherlich sind heute ABS und auch eine Antischlupfreglung ASC als Sicherheitsfeatures mit an Bord, an elektronischen Helfern war es das aber auch schon.

Nicht mehr und nicht weniger hat auch die Nine T/5 zu bieten, die als Reminiszenz, wie ihre Anhin in blauem Lackkleid heute zur Testfahrt vor uns steht. Die Basis für die /5 bildet dabei die Nine T Pure, mit der sie all ihre grundlegenden technischen Daten gemeinsam hat. Allerdings haben die Produktentwickler das Sondermodell mit Speichenfelgen, Faltenbälgen an der Gabel, einer besser gepolsterten und abgesteppten Sitzbank, im Stile der alten /5 Baureihe und eben mit dieser wunderschönen blauen Farbkombination aufgewertet. Und obwohl ich anfangs dem Fahrwerk noch etwas skeptisch gegenüberstand, hat es mich auf der ausführlichen Testrunde, selbst auf pickeligem Asphalt nicht enttäuscht. Die fehlenden Einstellmöglichkeiten für Federvorspannung, Zug- und Druckstufe an der 43. Telegabel vermisst man im Grunde nicht, da die sportliche und dennoch komfortable Gesamtabstimmung der Maschine im normalen Betrieb immer ausreicht. Das Federbein ist im Gegensatz dazu in Federbasis und Zugstufendämpfung einstellbar, aber auch hier hat die Standardeinstellung von Werk aus, ohne Sozius und Gepäckbelastung erst einmal gereicht. Im beschwingten Gleitmodus, denn das ist genau ihr Ding, geht es bei knapp 40 Grad Außentemperatur an diesem Tag dann erst einmal aus Frankfurt raus. Zunächst ein Stück über die Autobahn bevor es mit den teils engen Straßen im Hinterland des Taunus und entlang des Weiltales spannend wird. Kurven jeder Art bieten dem Fahrwerk an sich zu entfalten, aber auch der altbekannte luft- ölgekühlte Boxermotor, kann mit seinen 110 PS Leistung perfekt seine Performance auf die Straße bringen. Das verursacht bei allen beteiligten Testern ein stetiges Grinsen im Gesicht und sorgt zudem für tiefe Zufriedenheit.

Ehrlicher Purismus

Und der Purismus zieht sich weiter durch das Konzept, auch am breiten Lenker dem einzelnen zentral angebrachten Rundinstrument wird dies deutlich sichtbar. Die Schalterarmaturen sind einfach übersichtlich gehalten, die Handhebel sowohl von Bremse, als auch Kupplung in fünf Stufen einstellbar. Das Rundinstrument bietet alle nötigen Informationen der Geschwindigkeit analog, mit Warnleuchten und ein wenig mehr Infos in einem kleinen Digitaldisplay im unteren Bereich an. Wem das zu wenig erscheint und wer einen Drehzahlmesser benötigt, kann diesen als Zubehör inklusive einer Ganganzeige nachordern. Sicherlich bietet also die Nine T für die Highend Technikliebhaber unter den Motorradfahrern viel zu wenig, aber dafür eben eine gehörige Portion einfache Freude am Fahren.

Sitzkomfort

Dazu trägt im Übrigen auch ihr überzeugender Sitzkomfort bei, der diese Freude bei der neuen /5 abrundet. Denn die einteilige Sitzbank ist nicht nur äußerst bequem, nein sie ist zudem soziustauglich und bietet auch auf langen Etappen genügend Sitzkomfort. Natürlich baut auch diese Nine T mit ihrem dreiteiligen Rahmenkonzept am Heck insgesamt schmal, wodurch auch Menschen mit kürzeren Beinen einen sicheren Stand am Boden finden. Für mich und meine 172cm war sie geradezu ideal und der nicht zu enge Kniewinkel brachte die Knie genau an die dafür vorgesehen Pads am Tank. So aufrecht und auch angenehm positioniert macht eben auch das Kurvenräubern zwischendurch einmal Spaß, denn die werksseitig montierten Metzeler Z8 Pneus machen ohne Mucken alle Spielerein gerne mit.

Was unterwegs noch auffiel

Unter Anderem eine gehörige Portion an verchromten und gebürsteten Teilen, wie z.B. der Auspuffanlage, den Spiegel und den Seitenverkleidungen. Die leichtgängige und hydraulisch angesteuerte Kupplung und natürlich Stahlflexleitung rundum, die man im Frontbereich am Lenker hätte etwas liebevoller verlegen können. Die Speichenfelgen sehen optisch großartig aus, haben aber den Gewichtsnachteil gegenüber den Gussfelgen und natürlich leider weiterhin Schläuche.

Fazit
Für mich persönlich hat es BMW geschafft eine echte Hommage an die alte /5er Serie zu erschaffen. Die Maschine stellt genau das dar was sie soll, und zwar pur aber trotzdem auf dem Stand der heutigen Technik. Für 14600 Euro bekommt der interessierte Käufer ein exzellentes Motorrad, mit potentem Motor, sattem Boxersound und dynamisch handlichen Fahreigenschaften. Wer möchte kann es in vielerlei Hinsicht natürlich noch Individualisieren, denn auch dafür steht die Nine T Serie bekanntlich. Wem das allerdings für die Maschine zu viel Geld erscheint, der hat immer noch alternative Auswahlmöglichkeiten im Feld der Ninetten, denn die Standard Pure beginnt bereits bei ca. 12500 Euro, allerdings dann mit Gussfelgen und nicht in diesem wunderschönen Blau wie es die /5 trägt.

In diesem Sinne #LifeisaRide

Euer Torsten Thimm

Bilder Markus Jahn BMW und Torsten Thimm

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